Heidi Hetzer: In zwei Jahren um die Welt


Hudson an der Spree

0

Die Verspätung war einkalkuliert. Ihr „Hudo“ – wie Heidi Hetzer ihren Oldtimer, den Hudson Grand Eight nennt – hatte Husten. Er lief nicht rund. Dabei sollte er Heidi, die Grand Dame des Rallyesports und Berlins größte Opel-Händlerin, mindestens mal zwei Jahre röchelfrei auf ihrer Weltreise begleiten. Gefährte, Wohn- und Schlafzimmer, Ersatzteil- und Materiallager zugleich.

Gedränge am Berliner Olympiaplatz: Viele Gäste wollten schnell noch ein Foto von Heidi schießen.

Gedränge am Berliner Olympiaplatz: Viele Gäste wollten schnell noch ein Foto von Heidi schießen.

Reinhard Hainbach, mehrmaliger Deutscher Rallyemeister und Kfz-Mechaniker, war ursprünglich als Heidis Begleiter fest eingeplant. Er hatte sich auch um das Auto gekümmert, kannte jede Schraube und jedes Geräusch. Leider musste Reinhard auf Anraten seines Arztes diese (Tor)Tour absagen wegen eines Rückenleidens.

Heidi Hetzer startete eine öffentliche Suche nach einem geeigneten Co-Piloten für dieses Wahnsinns-Projekt: In zwei Jahren um die Welt, durch alle fünf Kontinente und durch etwa 70 Länder. Sie hat ihn gefunden – hat aber auch eine Menge Histörchen zu erzählen von Menschen, die sie gerne begleitet hätten, die aber ihrer Meinung nach nicht geeignet waren. „Was soll ich zum Beispiel mit einem Familienvater anfangen, der – sagen wir mal – in Peking einen Anruf kriegt, dass eines seiner Kinder ernsthaft krank ist und er sofort nach Hause kommen soll.“

Letztlich hat Heide Hetzer sich für einen jungen Mann entschieden, Jordane Schönfelder aus Frankfurt, Halbfranzose, Sprachgenie und vertraut mit diesen neumodischen Sachen wie Internet, E-Mail, Tablets. Und Jordane kann fotografieren und filmen. Nur eins kann er nicht: Autofahren. Er hat keinen Führerschein.

Co-Pilot Jordane Schönfelder hat keinen Führerschein, aber jede Menge  Optimismus und Lust aufs bevorstehende Zwei-Jahres-Abenteuer.

Co-Pilot Jordane Schönfelder hat keinen Führerschein, aber jede Menge
Optimismus und Lust aufs bevorstehende Zwei-Jahres-Abenteuer.

Und das ist gut so. Heidi: „Der macht mir wenigstens meinen Platz am Steuer nicht streitig.“ Sie will alles selbst fahren, auf den Spuren der Clärenore Stinnes, die dieses Abenteuer 1927 als erster Mensch überhaupt unter die Räder genommen hat. Mit einem Adler, damals ein hochmodernes Auto. Für ihre Reise holte Heidi Hetzer jetzt den 84 Jahre alten „Herrn“ namens Hudson Grand Eight an die Spree. Sie startete am Sonntag, 27. Juli 2014 am Olympiaplatz in Berlin. Dieser Abschied war sowas von emotional! Einfach unbeschreiblich.

Beim bewegenden Abschied vor dem Aufbruch hatte die Unternehmerin und Rallyefahrerin mit Kult-Status durchaus mit den Tränen zu kämpfen.

Beim bewegenden Abschied vor dem Aufbruch hatte die Unternehmerin und Rallyefahrerin mit Kult-Status durchaus mit den Tränen zu kämpfen.

In zwei Jahren um die Welt – mit einem Hudson Grand Eight, Baujahr 1930, 3,5-Liter-Achtzylinder, 90 PS.

In zwei Jahren um die Welt – mit einem Hudson Grand Eight, Baujahr 1930,
3,5-Liter-Achtzylinder, 90 PS.

„Heidi schau mal nach links.“ „Heidi, steig mal aufs Autodach“ „Heidi, guck mal aus dem Fahrerfenster nach hinten.“ Geduldig machte sie das, was die Fotografen, Kameraleute und die unzähligen Schaulustigen ihr sagten, die per Handy wenigstens ein Foto von ihr machen wollten.„Kinder, ich tue ja alles, was ihr sagt. Aber glaubt mir, DAS genau ist der Grund, warum ich diese Weltreise machen möchte: Dass mir niemand sagt, was ich zu tun und zu lassen habe.“

Und sie philosophiert weiter: „Ich erfülle mir selbst mit dieser Reise einen ganz großen Traum. Vor allem möchte ich mit dieser Aktion allen Menschen sagen: bleibt mit dem Hintern nicht auf der Couch sitzen, um auf irgendetwas zu warten, sondern nehmt das Leben selbst in die Hand. Macht was. Auch wenn es was Verrücktes ist. Und schert euch nicht darum, was die anderen sagen.“

Ihre Kinder haben vollstes Verständnis für ihre Mutter. Naja, zumindest als die Abreise immer näher rückte. Heidi, diese Frau, die zeitlebens mit Autos zu tun hatte, die alles an Rallyes gefahren ist, was gut und teuer war, die immer Abenteuer gesucht hatte: Die „Düsseldorf-Peking“, die Panamericana, die Rallye Monte Carlo und und und…
„Ich kann doch nur Auto!“ sagt sie schelmisch. Natürlich kann sie auch selbst reparieren. Sie hat Kraftfahrzeug-Mechaniker gelernt. Hoffentlich braucht sie diese Fähigkeiten nicht allzu oft anzuwenden auf ihrer zwei Jahre dauernden Weltreise. Der Kontakt zu den Menschen ist ihr das Wichtigste. So will sie zum Beispiel wissen, was der- oder diejenige, mit der sie gerade spricht, tun würde, wenn heute sein/ihr Geburtstag wäre. Diesen Satz hat sie sich in mindestens 25 Sprachen notiert.

Heidi ist nicht nur in Berlin eine VIP. Im Vorfeld ihrer Reise war sie in unzähligen Talk-Shows zu Gast. Sie wird gerne genommen, denn sie hat soviel zu erzählen. Das tut sie immer sehr emotional. Da muss ein Moderator schon mal aufpassen, dass er auch etwas sagen darf …

Genau in diesem Geist – sich mit ihr zu unterhalten, gemeinsam zu lachen und auch gemeinsam zu fluchen, wenn was nicht klappt, hat sie sich ihren Beifahrer ausgewählt.

Warum tritt eine 77-Jährige mit einem 84 Jahre alten Auto und mit einem 25-jährigen Beifahrer zu solch einer Weltumrundung an? Jordane fasst es mit entwaffnender Ehrlichkeit zusammen: „Ich fahre mit ihr, weil ich das jetzt tun kann, und Heidi, weil sie es jetzt wieder kann.“ Ehrlich gesagt, gibt es noch einen anderen Grund, warum die „kleine“ Grande Dame einen 1,98-Meter-Mann mitnimmt: Es ist gut fürs Doppelkinn, wenn sie zu ihm aufschauen kann.
Heidis großes Vorbild, Clärenore Stinnes, hatte damals Carl-Axel Söderström an ihrer Seite, der einen Film über dieses Abenteuer drehen sollte. Am Ende der Reise haben die beiden geheiratet. Das kommt für Heidi nicht infrage: „Spätere Heirat ausgeschlossen.“ Klare Ansage. Klare Verhältnisse. Volle Kraft voraus auf dieser Reise um die Welt. Und während in Berlin der Trubel groß war bei ihrer Abreise: Im Grunde ist sie heilfroh, dass es ab dem Grenzübergang wieder ruhiger wird. Und sie wieder das Kommando hat.

UPDATE

Wie wir nach Redaktionsschluss erfuhren, musste Heidi Hetzer bereits kurz nach dem Start in Berlin Motor und Beifahrer austauschen (wir berichteten auf www.kues.de am 1. August 2014). Auch weiterhin halten wir Sie dort zu Heidi Hetzers Weltreise auf dem Laufenden.

Weitersagen

Schreiben Sie einen Kommentar