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Der Ritt auf der Tacho-Nadel


Zusammenhang zwischen Tempo-Drosselung und Zahl der Unfalltoten

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Freies Fahren ohne Beschränkung der Geschwindigkeit gilt auf deutschen Autobahnen immer noch als „heilige Kuh“: Unantastbar, unberührbar. In der Autonation Deutschland mit ihren Herstellern an Premium-Fahrzeugen aber auch mit deren Tochterfirmen aus der Tuningbranche werden dem Rausch der Geschwindigkeit keine Grenzen gesetzt. Zumindest da, wo es noch geht. Doch auch, wenn bei uns die Freiräume für den Ritt auf der Tachonadel immer geringer werden, so hat sich bisher noch kein Bundesverkehrsminister ernsthaft an die Umsetzung des verpönten Tempolimits gewagt.

Auch, weil es – von Seiten der Industrie behauptet – nicht nur Arbeitsplätze, sondern wohl auch Wählerstimmen kosten würde. Denn die individuelle Fortbewegung jenseits der elektronisch eingebremsten Barriere von 250 km/h ist so etwas wie der Gralshüter der Lust mit des Deutschen liebstem Statussymbol: Dem Automobil.

Ergibt mehr langsam aber auch mehr Sicherheit? Oder sind die Trödler nicht ebenso eine Gefahr wie die Raser? Einer der es wissen muss, gab auf einem Seminar des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR), darauf eine Antwort. Der Dresdner Verkehrspsychologe Professor Bernhard Schlag.

Der promovierte Experte von der TU Dresden ist das, was man als einen „Guru“ rund um das Thema Verkehr, Sicherheit und Psyche bezeichnet. Einer, der forscht, entwickelt, aber auch belehrt und belegt. Mit Fakten und Argumenten. Sein Credo anhand empirischer Vorgaben: Zwischen gefahrenen Geschwindigkeiten und der Zahl der Unfälle besteht eine ganz klare wechselseitige Beziehung und Abhängigkeit. Gelänge es, so Schlag, die ermittelten Durchschnittsgeschwindigkeiten auch nur um fünf Prozent abzumildern, bedeutete dies, die Anzahl der tödlichen Unfälle gleich um zehn Prozent zu verringern.

Das Blickfeld eines Autofahrers, so argumentiert Schlag, werde umso eingeschränkter, je schneller er fahre. Wobei der Begriff „schnell“ nicht unbedingt mit Rasen auf Bundesautobahnen gleichzusetzen sei. Die Formulierung „zu schnell“ gelte auch für den urbanen Stadtverkehr, weil sich in diesem Bereich viel Mobilität am Rand der Fahrbahn abspiele. Mit wechselseitiger Beziehung von Fußgängern, Radfahrern, Auto- und Motorradfahrern.

Schlag, in der Gemengelage von Verkehr sowie psychischen Reaktionen und Folgen bewandert wie kaum ein Zweiter seiner Zunft, vergab an das zu dichte Auffahren und das Drängeln mittels Lichthupe das Schlagwort vom „psychischen Anrempeln.“ Das sei eine Langzeitfolge des allgemeinen Territorialverhaltens der Menschen. Heißt frei übersetzt:

Je schneller ich fahre, umso mehr Raum brauche ich für mich. Und umso mehr stören mich Andere.

Solch ungezügeltem „Geschwindigkeitsterror“ sei nur durch mehr Kontrollen und härtere Strafen zu begegnen. Was bei Alkoholdelikten mit Überwachung und Sanktionieren gut funktioniere, sei im Bereich von Geschwindigkeits- und Abstandsverstößen noch sehr ausbaufähig.

In den USA, so Schlag, seien stark motorisierte Fahrzeuge überproportional hoch an Unfällen beteiligt und die Unfallverursacher empfindlichen Strafmaßnahmen ausgesetzt. In Deutschland dagegen sei in erster Linie die Crashsicherheit solcher Fahrzeuge ein Thema. Auch weil die Industrie das Thema „Unfälle mit PS-starken Autos“ aus Angst vor Einbußen tabuisiere.

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