Das 24h-Radrennen von Kelheim


Gute-Nacht-Geschichte

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Einsam drehen die Rennfahrer in stockfinsterer Nacht ihre Runden. Ohne Anfeuerung der Zuschauer sind nur noch das Surren der Ketten und das Klicken der Schaltungen zu hören. Mit der Sonne kehrt Leben an die Strecke zurück und alle fiebern dem Ende des ältesten 24h-Radrennens Deutschlands entgegen.

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Uwe Meuren auf den letzten Metern seiner ersten Runde: Nach rund 17 Kilometern war seine Debütanten-Runde beendet, dann gings’s auch für ihn durch das Festzelt in Richtung Wechselzone wo Friedemann Schaible auf den Staffelstab wartete.

Mehr als 1.000 Teilnehmer gingen beim diesjährigen 24h-Radrennen rund um Kelheim an den Start. Für mich mein erstes Radrennen zweimal rund um die Uhr – im Herren-Team starte ich mit Jörn, Marco, Friedemann und Roland. Nur der Kelheimer Jörn Rosolski hat Erfahrung. Einen Tag vorm Rennen herrscht reges Treiben in Kelheim, Teams richten ihre Lager und bereiten sich auf das Rennen vor. Auch wir bauen auf: Ein Teamzelt und ein Ruhezelt um zwischen den Einsätzen eine Mütze voll Schlaf zu finden.

Am Abend herrscht im Stadtzentrum Party-Stimmung: Im Festzelt heizt ein DJ dem Publikum ein, im historischen Stadtkern wird das bevorstehende Rennen gefeiert. Wir werfen einen Blick ins Festzelt: Mit Absperrgittern wurden zwei Fahrbahnen geschaffen, jeweils flankiert von Tischen und Bänken. Auf einer Bahn fährt man in die Wechselzone wo der Staffelstab übergeben wird. Auf der anderen Bahn startet der neue Fahrer in seine Runde. Apropos Runde: 17 Kilometer, gespickt mit einer gut fünf Kilometer langen, knackigen Steigung, die sich bis auf 510 Meter hochschraubt. Weit vor Mitternacht kehren wir dem Treiben den Rücken, um ausgeruht in den Renntag zu starten.

Wir sind früh wach und beginnen nach dem Frühstück mit letzten Rennvorbereitungen: Verpflegung wird gekauft, Räder kontrolliert, Startnummern und Transponder befestigt, das Lager vollständig eingerichtet. Langsam steigt die Spannung an. Im einheitlichen Renndress haben wir für Fotos Aufstellung genommen. Viele Fotografen drängen sich um uns, denn wir sind wenigstens optisch einzigartig: Die Frau des Teamchefs hat jedem Fahrer eine Mütze gehäkelt, in Teamfarben, als Unikat – die Regionalpresse nennt uns in einer Sonderausgabe „Mützenmänner“. Kurz vor 14 Uhr leert sich das Fahrerlager, der Startbereich füllt sich. Auch wir stehen am Start und unserem Startfahrer Friedemann Schaible zur Seite. Punkt 14 Uhr geht’s los, das 24h-Rennen ist eröffnet. Nach weniger als 30 Minuten ist Friedemann schon in der Wechselzone, der erste Wechsel steht an: Teamchef Jörn Rosolksi übernimmt den Staffelstab in Form eines Leuchtbandes und macht sich auf den Weg.

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Das Team Fischer Elektromotoren mit (v. l.) Jörn Rosolski, Friedemann Schaible, Roland Bodi (hintere Reihe), Uwe Meuren, Marco Bodi (knieend) spulte binnen 24 Stunden 45 Runden ab und bewältigte so gut 750 Kilometer. Die Leistung genügte für Platz 74 in der Gesamtwertung der Herren-Teams.

Im Teamzelt herrscht reges Treiben: Marco Bodi fährt Richtung Wechselzone, sein Bruder Roland bereitet sich auf seinen Einsatz vor und ich fahre mich auf der „Rolle“ warm – bei 30°C Außentemperatur! Als Marco seine Runde beendet hat und Roland auf seiner ist, fahre ich zur Wechselzone. Unzählige Fahrer stehen Spalier, warten auf die Rückkehr der Teamkollegen. Namen und Erkennungswörter werden gerufen, Teammitglieder suchen sich, übergeben den Staffelstab und gehen auf die Runde. Ich warte ungeduldig auf Roland, sehe schon von weitem das grün-gelb-blaue-Trikot. Wir finden uns auf Anhieb, er wirft mir den Staffelstab zu, den ich in der Trikottasche verschwinden lasse. Etwas Schwung und ich rolle auf die Strecke, lasse die Schuhplatten in die Pedale einrasten und schon befinde ich mich auf der Fahrt durch das vollbesetzte Festzelt. Mir bleibt keine Zeit den Eindruck zu genießen, die Konkurrenz macht mächtig Druck. Raus aus dem Zelt, rauf auf die Strecke. Unzählige Radfahrer strömen in die gleiche Richtung. Nach weniger als zwei Minuten tut sich der Berg vor mir auf, raus aus dem Sattel, rein in den Wiegetritt. Ich kann etliche Konkurrenten überholen und hoffe, dass ich dem hohen Tempo keinen Tribut zollen muss. Mit rundem Tritt erreiche ich den Gipfel der gut 500 Meter hohen Kuppe, den „Col de Stausacker“. Ab dann geht’s bergab: Ich suche und finde eine Gruppe, die sich auf Abfahrt und anschließender Ebene Windschatten spendet. Mit Höchsttempo jagt der Zug Richtung Kelheim, ein letzter Anstieg über eine Brücke sprengt den Zug, ab da fährt jeder für sich selbst. Ich biege in die Fahrspur Richtung Wechselzone ein, werde johlend von der Festzelt-Menge empfangen. In der Wechselzone suche ich Friedemann, finde ihn schnell, übergebe den Staffelstab und schicke ihn damit auf seine zweite Runde. Etwas weniger als 30 Minuten war ich unterwegs, jetzt bleiben mir rund 1,5 Stunden bis zum nächsten Einsatz.

Kühle Nacht, heißes Ende

Der Abend bricht an, Runde um Runde spulen wir ab. Ab 21 Uhr müssen Räder mit Beleuchtung und Rennfahrer mit Leuchtweste unterwegs sein. Im Festzelt ist die Stimmung auf ihrem Höhepunkt: Die Kelheimer feiern jeden Rennfahrer als würde es um die Weltmeisterschaft gehen. Das spornt an, doch die Kräfte beginnen zu schwinden, meine Rundenzeiten steigen langsam an. Mit der Dunkelheit kehrt Ruhe ins Fahrerlager ein, auch bei uns: Freunde und Bekannte schauen sich das Nachtspektakel in der Wechselzone an und gönnen uns Ruhe zwischen den Einsätzen. Unsere Wechsel und Runden verlaufen reibungs- und problemlos. Gegen Mitternacht beginnen wir uns wärmer anzuziehen, um bei der schnellen Abfahrt nicht auszukühlen. Im Festzelt ist um 01:00 Uhr Sperrstunde, der DJ schaltet die Musik ab, das Gros der Zuschauer geht nach Hause. In tiefschwarzer Nacht ist nur noch das Surren der Ketten und das Klicken der Schaltung zu hören. Verhaltene Flüche, leise gemurmelt, werden vereinzelt in Richtung Col de Stausacker geschickt. Ich habe schon viel gemacht und erlebt – jedoch bin ich noch nie morgens um 02:00 Uhr Rennrad gefahren. In der Dunkelheit erscheint mir der Anstieg kürzer; vermutlich, weil ich das Ende nicht sehen kann. Meine Rundenzeiten sagen anderes: Ich bin pro Runde bis zwei Minuten langsamer als am Tag. Zwei Minuten, die im Rennradsport einer halben Ewigkeit gleichen. Wir drehen fleißig unsere Runden, ohne Probleme kommen wir durch die Nacht. Bevor ich mir nach meiner Runde Ruhe gönne, richte ich das Material: Fülle die Radflasche, hänge Trikot und Hose zum Trocknen auf, kontrolliere den Reifendruck und fülle meinen Kohlenhydratspeicher mit einer kräftigen Nudel-Hühner-Suppe. Die Runde in die aufgehende Sonne gehört mir: Noch liegt Kelheim im Schlaf, nur die vielen freiwilligen Helfer und unzählige Fahrer sind auf Beinen und Rädern. Ein unbeschreibliches Gefühl durch die Morgenröte zu fahren, alles ist still, ruht selig. Selbst die Rennfahrer kurbeln sich jetzt stumm den Berg hoch.

Noch vor Mittag ist das Festzelt wieder bis auf den letzten Platz gefüllt, heute spielt eine bayrische Blaskappelle zünftige Volksweisen. Die Menge schunkelt mit, während wir Radler unbeeindruckt weiter strampeln. Ich darf die letzte Runde in Angriff nehmen, bevor die Uhr nach 24 Stunden abläuft. Die Menge im Zelt nicht mehr zu bändigen: Mit Rasseln, Tröten, Pauken und Trompeten feuern die Zuschauer uns an. Ich will noch einmal eine gute Rundenzeit hinlegen, merke aber im Anstieg, dass mir die Kraft fehlt. Unter größter Anstrengung fahre ich den Col hinauf, finde eine kleine Gruppe, der ich mich anschließe. Nach dem höchsten Punkt geht’s letztmalig in die Abfahrt, wir holen weitere Fahrer ein, die sich uns anschließen, der D-Zug wächst. Auf Ebenen gibt die Gruppe noch einmal alles: Mein Puls schnellt in die Höhe, meine Beine wirbeln um das Tretlager, die Führungsarbeit wird geteilt. In der Wechselzone empfängt mich mein Team mit Sekt, wir begießen unsere Leistung: Jeder Fahrer hat neun Runden hinter sich gebracht, 45 Mal haben wir den Col de Stausacker niedergerungen, gemeinsam mehr als 750 Kilometer abgestrampelt.

Damit haben wir Rang 74 von 122 Herrenteams erreicht. Das Siegerteam schaffte 56 Runden, der beste Einzelfahrer, Markus Rieber, spulte in 24 Stunden 49 Runden ab. Die erstaunlichste Leistung erbrachte jedoch Arthur Kink: Mit 85 Jahren war er ältester Starter und Einzelfahrer. Insgesamt 15 Runden drehte er, die schnellste in 49 Minuten. Zwischendurch gönnte sich „King Arthur“ ein paar Stunden Schlaf, doch zum Morgengrauen saß er wieder im Sattel und fuhr konstant seine Runden.

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