Oldtimer-Fahr(s)pass: FIVA Identity Card


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Wer mit seinem Klassiker an internationalen Veranstaltungen nach dem Reglement des Oldtimer-Weltverbandes FIVA teilnehmen will, braucht eine sogenannte FIVA Identity Card. Wie ein Personalausweis dokumentiert dieser Wagenpass den Lebenslauf eines Autos oder Motorrads – und ist somit auch ein wichtiges Dokument für seine Authentizität. Ein Wagenpass-Prüfer braucht daher viel Fachwissen und Fingerspitzengefühl.

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Eine feine Patina überzieht den Oldtimer wie ein hauchdünner Schleier. Haarrisse schlängeln sich durch den Lack. Das Leder der Sitze fühlt sich an wie das kostbare Pergament eines alten Folianten. Und die gesamte Technik scheint auch nach Jahrzehnten noch so zuverlässig zu funktionieren wie ein Schweizer Uhrwerk.

Erste Bestandsaufnahmen wie diese sind nicht selten. Doch sie können den Laien trügen. Denn gerade Hochpreis-Klassiker sindvor Pfusch und Fälschung so wenig gefeit wie wertvolle Gemälde von Rembrandt odervan Gogh. «Ein Paradebeispiel für solche Machenschaften ist der Mercedes-Benz SSK.Nachweislich nur 33 Exemplare dieser Legende mit Sechszylinder-Kompressormotor wurden zwischen Ende 1928 und 1932 gebaut. Doch angesichts von Preisen im hohen siebenstelligen Bereich ist es für Betrüger nur allzu verlockend, ein Auto als SSK zu deklarieren, das ursprünglich gar nicht in dieser Spezifikation ausgeliefert oder sogar in späterer Zeit komplett gefälscht wurde.

«Selbst für ausgewiesene Spezialisten sind solche Plagiate oft kaum zu entlarven»,

warnt Hermann Ries, Oldtimer-Experte und Chefredakteur der Zeitschrift «Mercedes-Benz Classic».

Der Oldtimer-Weltverband FIVA («Fédération Internationale des Véhicules Anciens») ist bemüht, solchen Machenschaften einen Riegel vorzuschieben. Der von der UNESCO anerkannte Zusammenschluss der Oldtimer-Clubs wurde 1966 gegründet und vertritt über eine Million Klassikerbesitzer aus mehr als 60 Ländern. Die Erhaltung historischer Fahrzeuge als wichtige mobile Bestandteile des technischen Kulturerbes ist sein oberstes Ziel. In Deutschland nimmt die ADAC Oldtimer-Sektion seit Juli 2008 die nationale Vertretung der FIVA wahr.«Außerhalb Deutschlands ist für alle Auto- und Motorrad-Veranstaltungen nach dem Reglement des Oldtimer-Weltverbandes – sogenannte FIVA-A- und FIVA-B-Events – eine FIVA Identity Card Voraussetzung, welche die Authentizität eines historischen Fahrzeugs dokumentiert», erklärt Tilman Kleber von der Oldtimer-Sektion des ADAC.

So wird zum Beispiel die wohl bekannteste Klassiker-Rallye der Welt, die Mille Miglia in Italien, nach FIVA-Reglement durchgeführt. Grundlegend ist dabei die aktuelle Oldtimer-Definition der FIVA. Demnach ist ein Oldtimer ein mechanisch angetriebenes Fahrzeug, das mindestens 30 Jahre alt ist, in einem historisch korrekten Zustand erhalten und gewartet wird, dessen Nutzung nicht auf täglichen Transport ausgerichtet ist und das wegen seines technischen und historischen Wertes bewahrt wird.

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Eine Wagenpass-Abnahme erfordert vom Prüfer Sorgfalt und Fingerspitzengefühl.

Besonders knifflig wird es deshalb bei Klassikern aus der Frühzeit der Automobilisierung oder bei Marken, die längst erloschen sind.

«Viele Klassiker-Besitzer auch in Deutschland legen aber gerade deshalb Wert auf einen solchen internationalen Wagenpass, weil er die Originalität ihres Fahrzeugs dokumentiert und im Idealfall dessen Werdegang lückenlos aufzeigt, was den Wert positiv beeinflusst», weiß Hermann Ries. Die Nachweispflicht liegt dabei beim Fahrzeugbesitzer. Er muss den Antrag stellen und belegen, dass es sich bei dem zu begutachtenden Klassiker um sein Auto oder Motorrad handelt, zum Beispiel anhand von Kopien des Fahrzeugbriefs oder des Kaufvertrags. Auch die korrekte Ermittlung des Baujahrs ist von entscheidender Bedeutung. Denn nur dann sind Rückschlüsse darüber möglich, ob der Klassiker – zumal wenn er umfangreich restauriert wurde – noch mit dem Auslieferungszustand übereinstimmt. Sofern die Vorbesitzer durchgängig bekannt sind, ist dies ein weiterer Pluspunkt. Originale Auslieferungspapiere und Prospekte, aber auch Fachliteratur, Werksunterlagen und Restaurierungs-Dokumentationen, die Aufschluss über den Zustand geben können, sind von ausschlaggebender Wichtigkeit. Im Idealfall müssen alle erkennbaren Modifikationen und Abweichungen vom Auslieferungszustand vermerkt werden.

«Wagenpass-Interessenten sollten sich idealerweise an die entsprechenden Markenclubs wenden. In ihren Reihen gibt es ausgewiesene Experten, die über langjährige Erfahrung verfügen und in der Regel auf seltene Unterlagen und Literatur Zugriff haben, sodass sie die Besitzer-Angaben überprüfen können. Falls kein Club bekannt ist, kann auch bei der ADAC Oldtimer-Sektion nach einem geeigneten Prüfer gefragt werden», rät Tilman Kleber. Wichtig ist, dass die ADAC Oldtimer-Sektion nur für Fahrzeuge, die in Deutschland zugelassen sind und für nicht zugelassene Fahrzeuge, deren Eigentümer ihren Hauptwohnsitz in Deutschland haben, eine FIVA Identity Card ausstellen darf.

Der Wagenpass-Prüfer kontrolliert alle Angaben direkt am Fahrzeug und schlägt eine Einordnung in die sogenannten Fahrzeugkategorien und Erhaltungsgruppen gemäß dem internationalen technischen Reglement der FIVA vor. Der Antrag und sämtliche kopierten Unterlagen gehen anschließend an die ADAC Oldtimer-Sektion, der die endgültige Bewilligung sowie die Archivierung obliegt. In bestimmten Fällen muss der Vorgang an die technische Kommission der FIVA zur Entscheidung überwiesen werden. Wird ein Wagenpass ausgestellt, ist dieser international gültig, und zwar zehn Jahre oder bis zum Zeitpunkt eines Halterwechsels. Übrigens: Auch Nachbauten und Replikas können unter bestimmten Voraussetzungen eine FIVA Identity Card erhalten, wenn sie eindeutig als solche gekennzeichnet sind – und wenn der Herstellungszeitpunkt ebenso bereits mindestens 30 Jahre zurückliegt. Als Baujahr gilt in diesen Fällen das Datum der Fertigstellung.

Die Preise für die Erteilung einer FIVA Identity Card sind durchaus moderat. Je nach ADAC-Clubzugehörigkeit kostet ein Wagenpass zwischen 80 und 140 Euro, Klassiker-Besitzer ohne ADAC-Clubanbindung zahlen 160 Euro. Allerdings kommt zu diesen Gebührenin der Regel eine Aufwandsentschädigung für den Prüfer hinzu. Für viele Fahrzeugbesitzer summa summarum eine lohnende Investition – denn das Gefühl, in einem nachweislich zumindest authentischen Klassiker zu sitzen, macht für sie Oldtimer-Fahrspaß erst perfekt.

FIVA-IdentityCard

Umfangreiches Informationsmaterial zur FIVA Identity Card ist auf der Homepage des ADAC unter www.adac.de/oldtimer abrufbar, darunter unter anderem das technische Reglement der FIVA in deutscher Übersetzung sowie das Antragsformular für den FIVA-Fahrzeugpass. Eine FAQ-Seite beantwortet die wichtigsten Fragen zum Ablauf der Wagenpass-Prüfung sowie zu den einzureichenden Fotos und Unterlagen.

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