Mobile Zukunft – ganz ohne Auto


Unterwegs ins Jahr 2020

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Menschen, die in den gerade «angesagten Szenen» unterwegs sind und seriöse Forscher haben üblicherweise nichts miteinander zu tun: Die einen schlagen sich die Nächte mit Bass und Beats um die Ohren, die anderen berechnen nächtelang Formeln in geheimen, ja unterirdischen Labors. Bei Honda treffen sich plötzlich beide Welten wieder. Denn die Chefentwickler wissen genau, was der japanische Mischkonzern in zehn bis 20 Jahren braucht: Neben Jets, Solarpannels, Bootsmotoren, Motorrädern und Fahrzeugen eben auch Produktideen für eine Welt ohne Auto. Längst tüfteln Designer und Forscher nicht mehr nur in ihren Bürotürmen, sondern lassen sich von den Menschen in Szenevierteln wie Tokios Roppongi Hills inspirieren. In Roppongi lebt eine völlig neue Generation von Künstlern, Studenten und Partygängern, die sich dem Autoführerschein komplett verweigert. Volle Straßen, schlechte Luft, vor allem aber die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen hat sie zu diesem Denken bewegt. Es ist cool, kein Auto zu haben. Eine Herausforderung für Autohersteller wie Honda.

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Gleichzeitig zählen Überalterung und Urbanisierung zu den Megatrends. Eigentlich eine schier unlösbare Aufgabe, Mobilität für eine scheinbar immobile Zukunft zu entwickeln. Noch vor kurzem hat Honda den S2000 gebaut, einen Roadster, der mit Drehzahlen von fast 9.000 U/min vor allemeines brauchte: freie Landstraßen ohne Überholverbot. Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass sich Honda komplett aus der Formel 1 verabschiedet hat. Jetzt gehen die Designer völlig neue Wege. Nur wenige Schritte von Tokios Szenevierteln entferntliegt Hondas gläsernes Gehirn. Eine Zukunftsstätte in der Tausende von Ingenieuren an der Lösung dieses skurrilenMobilitätsproblems arbeiten.

Als Idealbild steht schon seit 1999 die Entwicklung des vollkommenen Roboters Asimo.

Vor zehn Jahren galt es als Sensation, dass er dank Giersensor Treppen steigen konnte. Heute ist er dank modernster Software und Kameraerkennungssysteme sogar in der Lage, seine Umgebung zu sehen, zu verstehen und Feedback zu geben. So vergleicht er beispielsweise die Bewegungsmuster von gesunden Menschen mit denen von kranken und fragt bei Abweichungen, ob er helfen kann.

Wie die Applikationen beim iPhone, so haben sich aus dem Robot-Konzept Asimo eine ganze Reihe von nützlichen Zukunftsprodukten entwickelt. Nehmen wir den Megatrend Überalterung: Menschen werden immer älter und übergewichtiger. Meistens sogar beides zusammen. Mit Hondas Geh-Assistent aus dem Geheimlabor können auch Muskelschwache und Kranke Treppen erklimmen. Ein mit Batterien bestückter Motorgurt wird umgeschnallt und die beiden Elektromotoren auf Höhe der Hüften unterstützen jeden Impuls zum Steigen und Laufen mit elektrischem Drehmoment. Ein Winkelsensor erkennt dabei den Willen zu Laufen oder zum Treppensteigen schon im Ansatz. Vorteil der futuristischen Gehhilfe: Durch den häufigen Einsatz werden schwache Muskelgruppen wieder aufgebaut. Der User spürt es an der verbesserten Kondition.

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Die Steigerung dazu ist der Walkassist mit Gewichtsausgleich. Hintergrund: Schwere Menschen belasten ihre Gelenke, die auf Dauer dadurch schneller verschleißen. Der Walkassist funktioniert wie ein unterstützendes Zusatzskelett mit Sitz. Zunächst steigt der Besitzer in die speziellen Schuhe, streckt dann die Eisengelenke der künstlichen Beine nach oben und setzt sich auf den Sattel des Walkassist. Wie von Geisterhand marschiert die Laufmaschine dann los. Natürlich nur, wenn der Giersensor am Bein signalisiert, dass der Mensch auch laufen möchte. Der menschliche Oberkörper schwebt dabei, fast frei von seinem Körpergewicht über Brücken, Bürgersteige und Treppen. Laufen ohne Anstrengung für Menschen, die nicht gehen können. Eine verrückte Zukunftsvision, die fast schon serienreif scheint. Doch Honda forscht nicht nur für die Älteren. 30 Kilometer nördlich von Tokio liegt das Design-Entwicklungs-Center von Honda.

Hier arbeiten bewusst ganz junge mit sehr erfahrenen Designern zusammen.

Designchef Nobuki Ebisawa sagt: «Wir halten nichts davon, im Design nur auf Nachwuchs zu setzen. Die Spannung liegt doch darin, freche, junge Ideen mit der Erfahrung zu verbinden.» Und manchmal bekommen blutjunge Designer wie Megumi Nishio die Superchance. Die Japanerin durfte das Design für den künftigen Honda Elektromini E-VN entwickeln. Nishio sagt: «Meine Oma fuhr in den 80er-Jahren den Kleinwagen Honda N600. Wir haben dieses Auto geliebt. Und genau darum geht es doch: Den jungen Menschen, die vielleicht individuelle Mobilität ablehnen, trotz Aerodynamik, Umwelt und Fußgängerschutz wieder ein Stück Auto zurückgeben zu können, das sie lieben». Als wäre das nicht genug, haben die Honda-Ingenieure noch ein Ufo in die Türen verpflanzt: das futuristische Elektro-Einrad U3-X. Versteckt in den Türen sieht es aus wie ein paar Basslautsprecher:

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Ausgeklappt soll das Elektro-Ufo den Besitzer vom Parkplatz lautlos in die Fußgängerzonen befördern.

Mit maximal 6 km/h eine Stunde lang. Danach muss U3-X für eine Stunde an die Steckdose. Freihändiges Dahingleiten, das ist, was in Zukunft möglich wird. Und was die Menschen fasziniert. Das Video von Hondas Einrad hat schon über eine Million Aufrufe bei Youtube.

Der Honda E-VN sieht aus wie Donalds Dienstwagen, hat es aber faustdick hinterm Lenkrad. Denn Social Media Kommunikation gehört ebenfalls zu den Supertrends und die soll auch mit E-VN möglich sein. Schon jetzt können sich Besitzer des Hybridautos Honda Insight in Japan übers Navigationssystem austauschen. Sie können jederzeit ablesen, wie ihr minimales Verbrauchsranking im Stadtviertel aussieht: «Platz 5 für Kennzeichen U1-05? Kann doch wohl nicht sein … Ich muss früher vom Gas!»

Möglich wurde die rasante Zukunftsforschung erst durch Rapid-Prototyping und modernste 3D-Software von Adobe. Chef-Designingenieur Toshimichi Yamauchi von Studio O erklärt: «Noch vor 10 Jahren haben unsere Designer mit Stift und Papier skizziert. Die Studien wurden dann gescannt und in 3D umgerechnet. Heute überspringen wir den Schritt. Es wird gänzlich ohne Papier gearbeitet. Die Zeichnungen entstehen direkt in 3D mit dem elektronischen Stift am Digital-Tableau. Die Rechnergeschwindigkeiten verdoppeln sich fast alle drei Jahre.»

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Ist das 3D-Modell fertig, kann es quasi über Nacht aus dem vollen Kunststoff gefräst werden.

Fertig ist das erste Studienmodell im Maßstab 1:10.

Das wichtigste aber – und damit sind wir nun doch wieder beim Auto, soll die Faszination an der Mobilität sein. Nobuki Ebisawa sagt: «In Social Media Portalen und im Internet, kann ich jederzeit an jedem Ort der Welt sein. Aber nur ein Automobil schafft es, eine Faszination für die Bewegung meiner selbst zu erzeugen. Der Druck, der an meinem Körper entsteht, wenn ich auf das Gaspedal trete, die Landschaften, Szenen und Bilder, die an meinem Fenster vorüberziehen und die Gerüche, Menschen, aber auch Temperaturen, die ich auf meiner Haut spüre, diese Faszination der Änderung kann nur das echte Leben bieten. Und daran arbeiten wir, dass Menschen auch in Zukunft spüren wollen, wie emotional echte Mobilität ist.»

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