Unter falscher Flagge – Vorsicht, Plagiat!


Produktpiraterie macht auch dem Kfz-Teilehandel zu schaffen

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Früher kopierten die Produktpiraten vorzugsweise hochwertige Bekleidung, dann begannen sie hochwertige Accessoires zu fälschen. Heute gibt es fast kein Produkt, das sich nicht in kopierter Form wiederfindet. Dabei sind die Produktpiraten dreister denn je: Zur Vermarktung nutzen sie nicht nur die unbekannten Weiten und Tiefen des Internets. Die Nachahmer genieren sich nicht, kopierte Artikel auf einschlägigen Messen zu präsentieren.

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So wurden auf der Automechanika 2006 in Frankfurt, der internationalen Leitmesse für Werkstatt, Reparatur, Dienstleistungen und Zubehör, 144 gefälschte Produkte sichergestellt. Welchen Schaden Fälschungen anrichten, zeigen Experten aus den USA: Dort gehen Jahr für Jahr schätzungsweise 750.000 Arbeitsplätze durch Produktpiraterie verloren. Wem solche Zahlen Angst einflößen, der sollte den nächsten Satz besser nicht lesen: In Amerika, so die weitere Schätzung der Experten, sind zwei Prozent aller Flugzeugersatzteile – immerhin 520.000 Stück – gefälscht. Die Automobilindustrie bleibt von den Machenschaften der Produktpiraten nicht unberührt und so schätzt der ZDK, dass weltweit pro Jahr etwa zehn Milliarden Euro mit Fälschungen umgesetzt werden. Eine weitere, vorsichtige Schätzung des Verbandes beziffert den Plagiat-Umsatz in Deutschland im Bereich eines hohen dreistelligen Millionenbetrages.

Gerade in Zeiten allgemeiner Geldknappheit gehört die Jagd nach Schnäppchen häufig zum Tagesgeschäft von Konsumenten. Die anhaltende «Geiz ist geil»-Mentalität lässt selbst besonnene Autofahrer zu Schnäppchenjägern mutieren, vor allem dann, wenn sich so das Mobilitätsbudget schonen lässt. Das große Aber: Der Handel mit Plagiaten ist alles andere als ein Kavaliersdelikt: Es ist eine strafbare Handlung, der mit harten Sanktionen entgegengetreten wird.

Gefälscht wird, was gut und teuer ist: Vom originalen Ersatzteil über namhafte Aftermarktprodukte und Zubehör bis hin zu Werkzeugen. Selbst vor der Kopie von Fertigungsmaschinen schrecken die Piraten nicht zurück. Für den technischen Laien ist es häufig sehr schwer, Fälschung und Original zu unterscheiden. Selbst die Verpackungen ähneln sich häufig wie eineiige Zwillinge und oft sind es nur Nuancen, die dem geschulten Auge verraten, dass es sich um eine Fälschung handelt. Beim Produkt selbst müssen nicht selten auch Fachleute ihre Waffen strecken, wenn es darum geht, «Echt» und «Falsch» zu unterscheiden. Optisch, das ist unbestritten, gibt es zumindest bei vielen Ersatzteilen nur geringe Unterscheidungsmerkmale. Qualitativ hingegen liegen nicht nur geographisch Welten zwischen den Produkten.

Tatsächlich kostspielig an Bau- und Ersatzteilen sind in der Regel Idee, Know-how und qualitativ hochwertige Materialien. Die Teile namhafter Hersteller müssen einen harten Testalltag schadlos überstehen, bevor sie in Serie produziert und für den Handel freigegeben werden. Selbst dem Alltag ohne extreme Situationen sind die Fahrzeugteil-Plagiate nicht gewachsen und erliegen schon nach kürzester Zeit dem täglichen Stress.

Bremsbeläge lösen sich vom Träger oder fangen zu brennen an, Ölfiltereinsätze lösen sich auf und wandern durch den Ölkreislauf, Zusatzscheinwerfer verschmoren und lösen Kabelbrände aus, Reifen lösen sich auf und platzen.

Die Beispielliste lässt sich unendlich fortsetzen und nahezu jeder Teilehersteller kann zwischenzeitlich ein Plagiat «sein Eigen» nennen.

Originalteilehersteller lassen es sich nicht nehmen, gefälschte und entdeckte Kopien ihrer Ersatzteile oder ihres Zubehörs zu testen. Via Internet wurden Bremsbeläge extrem billig angeboten, vom originalen Teilehersteller erworben und auf die linke Seite der Vorderachse eines Pkw montiert. Rechts montierte man seinen eigenen Bremsbelag. Beim anschließenden Bremsentest lieferte
der linksseitig montierte «Billigheimer» deutlich weniger Leistung als das auf der rechten Seite verbaute Original: Mehr als 30 Prozent betrug der Leistungsunterschied zwischen den beiden Belägen, die sich optisch aufs Haar glichen.

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Die minderwertige Qualität einzelner Bauteile macht sich schnell bemerkbar. Den Wärmetest hat die Lichtscheibe des Blinklichts nicht überstanden.

Auch Licht- und Zubehör-Experte Hella hat einschlägige Erfahrungen mit Plagiaten gemacht. Die im eigenen Programm geführten Nachrüstscheinwerfer für den BMW 3er E36 fanden sich bereits 2004 in geklonter Form auf dem Zubehörmarkt. Bevor ein Scheinwerfer von Hella auf den Markt kommt, durchläuft er den gleichen Testparcours wie das originale Bauteil des Fahrzeugherstellers – im genannten Fall die originalen Scheinwerfer von BMW. Die Prüfung beginnt mit einem allgemeinen, lichttechnischen Test. Es folgen Spritzwassertest, Betauungstest, Hochdruckreinigertest und eine Kontrolle der Temperaturwechselbeständigkeit sowie der Wärmebeständigkeit im Betriebszustand. Als letzte Hürde gilt es, die Schwingungsfestigkeit unter Beweis zu stellen.
Dass bei den Plagiaten häufig der Schein trügt und gutes Aussehen alleine nicht genügt, stellte Scheinwerfer-Spezialist Hella fest, als die aufgegriffenen Fälschungen die Testreihe durchlaufen mussten. Zum einen entsprachen die gemessenen Lichtwerte nicht den vorgeschriebenen Richtlinien, wobei die BMW-typischen Lichtringe bis zu zehnmal schwächer waren als erforderlich. Die Module für Abblend- und Fernlicht zeigten gravierende, zum Teil sicherheitsrelevante Schwächen, die in der Justierung zu finden waren. Ein weiterer eklatanter Mangel war der Blendwert des Abblendlichtes, der die Höchstgrenze um das Doppelte überschritt. Zudem erzeugte eine Kante im Glas der Projektionslinse eine zusätzliche Blendung. Ein weiterer, nicht minder schwerer Mangel lag in der Fertigungsqualität: Mangelnde Passgenauigkeit und unzureichende Befestigung einzelner Bauteile ließ befürchten, dass schon wenige Meter Fahrt über eine holprige Fahrbahn für den Nachbauscheinwerfer das Aus bedeuteten.

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FreiheitsSelbst vorm Kopieren der Ersatzteilnummer strafen die Folge sein. schrecken Fälscher nicht zurück. Nur die Ergänzung „HUNTS“ im Schriftzug deutet auf ein kopiertes Ersatzteil hin.

Geldknappheit hin, Budgetschonung her – die Devise heißt: Ausschließlich originale Bau- und Ersatzteile einsetzen. Schon die Wahl der Bezugsquelle schützt fast 100-prozentig vor Plagiaten: Statt Teile über das Internet oder auf dem Flohmarkt zu erwerben, sollte man sich an Teilehersteller, Fachhändler und Fachwerkstätten wenden – hier hat der Kunde einen Ansprechpartner. Und gegen ihn können im Ernstfall Rechtsansprüche geltend gemacht werden.

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Mehr als eklatant: Die Unterschiede zwischen dem original Hella-Upgrade-Scheinwerfer für den BMW 3er und den Nachbauten – oben falsch, unten echt!

Fünf Fragen an Andreas Waldhorn (Fachanwalt für Verkehrsrecht, Würzburg)

Welche Folgen kann es haben, wenn eine Werkstatt gefälschte oder kopierte Ersatzteile oder Zubehörteile verbaut?
Waldhorn: Wurden dem Kunden ohne sein Wissen gefälschte Ersatzteile oder gefälschtes Zubehör eingebaut, liegt eine nicht fach- und sachgerecht durchgeführte Reparatur vor. Der Kunde kann in diesem Fall eine Nachbesserung, sprich den Einbau originaler Ersatzteile verlangen. Erleidet der Kunde durch den Einbau gefälschter Teile einen Schaden, kann er von der Werkstatt regelmäßig Schadensersatz verlangen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Werkstatt oder der Teilehändler die Fälschung kannte oder hätte kennen müssen. Überdies drohen der Werkstatt oder dem Händler bei Kenntnis der Fälschung urheberrechtliche und strafrechtliche Konsequenzen, letztere vor allem dann, wenn die gefälschten Ersatzteile zu einem Unfall führen.

Ersatzteil oder Zubehörteil entpuppen sich als Fälschung: Müssen sie bzw. die Reparatur bezahlt werden?
Da der Anspruch auf Bezahlung stets voraussetzt, dass die Werkstatt bzw. der Händler ordnungsgemäß gearbeitet oder geliefert hat, kann der Kunde die Zahlung solange verweigern, bis die Plagiate gegen Originalteile ausgetauscht wurden.

Haben Kunden die Möglichkeit, sich gegen Verkauf oder Verbau von Produktfälschungen zur Wehr zu setzen?
Gegen denjenigen, der gefälschte Ersatzteile oder Zubehör in Verkehr gebracht hat, kann man durchaus vorgehen. Eventuell sollte man die Hersteller der Originalteile über den Verkauf der Plagiate informieren. Denn die Hersteller haben erfahrungsgemäß kein Interesse daran, dass Fälschungen ihrer Produkte im Umlauf sind. Entsprechend ist das konsequente Vorgehen betroffener Unternehmen gegen die Fälscher und Händler. Daneben besteht natürlich die Möglichkeit, die Strafverfolgungsbehörden, also Polizei oder Staatsanwaltschaft einzuschalten, was vor allen Dingen beim Handel mit sicherheitsrelevanten Ersatzteilen wie zum Beispiel Bremsbelägen oder Reifen ratsam ist. Ist der Kunde von der Verwendung von Produktfälschungen selbst betroffen, sollte er seine eigenen Ansprüche durch einen Rechtsanwalt prüfen und durchsetzen lassen.

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Unfall oder Folgeschaden – wer haftet?
Grundsätzlich haftet derjenige, der mit Fälschungen handelt und sie in Verkehr bringt. In unserem Fall der Lieferant. Aber auch der Werkstatt drohen rechtliche Konsequenzen, wenn ihr die Fälschungen beim Einbau bekannt waren oder zumindest hätten bekannt sein können, etwa wegen auffallend günstiger Einkaufspreise oder irgendwelcher auffallender Merkmale. Aber auch der Kunde selbst kann zur Haftung herangezogen werden, wenn es zum Unfall kommt. Etwa dann, wenn auch er von den Plagiaten wusste oder gar wenn er – beispielsweise aus Kostengründen – ausdrücklich den Einbau gefälschter Produkte wünschte. Kommt es aufgrund des eigenen Verarbeitungswunsches von Plagiaten am eigenen Auto zum Folgeschaden, trägt der Autofahrer selbst alle Kosten. Werden andere geschädigt, drohen ihm zudem Schadenersatzforderungen.

Welche rechtlichen Konsequenzen drohen beim Verkauf von gefälschten Produkten?
Der Verkauf von Fälschungen wird – vor allem wenn er gewerbsmäßig erfolgt – urheberrechtlich wie strafrechtlich konsequent verfolgt. Es drohen Schadenersatzansprüche der Originalteilehersteller genauso wie von Geschädigten, wenn die Fälschung zu einem Unfall geführt hat. Daneben können Geld- und sogar Freiheitsstrafen die Folge sein.

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1 Kommentar

  1. Weshalb wird eigentlich NIE über die unnötige Umweltverschmutzung durch nicht qualifizierte Ersatzteile gesprochen???
    Hier werden Rohstoffreserven zur Herstellung von Müll benutzt und die meisten Leute fragen sich nur – bekomme ich die Reparatur (Einbau eines Org- Teil) ersetzt. Das man dann auch zweimal in die Werkstatt muss ist jetzt mal zweitrangig. Was machen aber die Leute die ihre kostbare Freizeit zur Rep in der eigenen Garage geopfert haben?? … Das ist dann Pech??
    Wozu haben wir eigentlich Interpol und und Freunde? ( Btw bezahlt von meinem Steuergeld)
    Legt diesen Plagiatherstellern das Handwerk im Herstellerland (Fernost, sowie auch und gerade in der EU)

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